süddeutsche zeitung / januar 15

Ein feiner Artikel in der Süddeutschen Zeitung über den „Großen Tag der jungen Münchner Literatur“.
JuLy bedankt sich bei den Organisatoren und dass sie dabei sein durften. War ein Fetzen-Abend!

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/grosser-tag-der-jungen-muenchner-literatur-geht-nicht-nach-berlin-1.2319999

„Geht nicht nach Berlin!“

 

50 Autoren lesen bei entspannter Atmosphäre: Der erste Tag der jungen Münchner Literatur zeigt, dass München es mit der oft neidisch beäugten Hauptstadt-Szene aufnehmen kann, wenn es um Lyrik, Prosa und Poetry Slam geht. Eine Veranstaltung, die überfällig war.

Wie sagt Meike Harms so treffend: „Draußen streiten sich die Wolken um den schönsten Platz im Grau.“ Drinnen, in den Kellergewölben des Einstein Kulturzentrums, sieht Harms in diesem Moment auch nicht viel Licht am Ende des Tunnels: Expressiv klagt die bayerische Poetry-Slam-Meisterin und Poesiepädagogin über die „leistungsorientierte Freude“ unserer Zeit, über „Freudentaumel-Dauerdrill“, „Heiterkeits-Leistungsdruck“ und „immer weiter steigenden Glücksanspruch“.

Dabei soll der Leistungsdruck an diesem Samstag ja gerade einmal nicht so hoch sein wie sonst. Beim „Großen Tag der jungen Münchner Literatur“, den die Autoren Tristan Marquardt, Nora Zapf und Daniel Bayerstorfer organisiert haben, will man „weg von diesem Konkurrenzding“. Man will, so Marquardt bei der Eröffnung, „weg vom Elite- und Geniedenken, das dem Literaturbetrieb nicht gut tut“, will eine gemeinsame Basis schaffen, zusammenstehen. Da kommt ein „Bravo“ aus den Reihen, und man wird im Laufe der nächsten Stunden überlegen können, ob die Atmosphäre genau deswegen so entspannt ist. Ob es eben doch etwas ausmacht, wenn – anders als zum Beispiel bei den „Wortspielen“ – mal kein Sieger gesucht wird.

Ein Abend, der längst überfällig war

Man hat an diesem langen Abend der jungen Münchner Literatur, der schon um 17.30 Uhr beginnt und stolze 50 Autorenlesungen später gegen 1 Uhr in eine Party übergehen soll, jedenfalls ein sehr deutliches Gefühl: dass er überfällig war. Dass hier eine sehr lebendige Szene der Mitte Zwanzig- bis Mitte Dreißigjährigen nur darauf gewartet hat, sich endlich mal in einem größeren Rahmen zu präsentieren. Und dass sie jede Menge Publikum mitbringen können: Die zwei Lesehallen sind von Beginn an voll, und sie werden im Laufe der Stunden noch voller.

Da wird die Vorarbeit an vielen Orten der Stadt deutlich: in immer mehr Reihen, wie zum Beispiel „Meine drei lyrischen Ichs“, in immer mehr Lesebühnen und Kiezmeisterschaften, ob im Substanz oder im Fraunhofer, im Rationaltheater oder im Stragula. Nicht nur Marquardt hat das Gefühl, dass sich in den vergangenen zwei, drei Jahren „sehr viel getan hat in München“. Immer mehr solche Veranstaltungen „in Kellern, Bibliotheken, Wohnzimmern“ hätten sich so potenziert, ergänzt Nora Zapf, dass bald „jede Woche eine Lesung war, bei der man unbedingt sein muss“.

Der erste Roman ist in Arbeit oder gerade veröffentlicht

Diese Entwicklung gefällt einer Schriftstellerin wie Katharina Adler besonders gut. Sie lebt und arbeitet zwar in München, kennt aber als Mitbegründerin der Berliner Autoren-Kooperative „Adler & Söhne“ auch die oft mit Neid beäugte Hauptstadt-Szene. „Ich finde es super, dass das hier stattfindet“, sagt sie zu Beginn ihrer Lesung, „sich treffen, austauschen, gemeinsam zeigen – dann ist man nicht so allein und kann Themen entdecken, die alle umtreiben“. Das Thema, das sie selbst gerade umtreibt, ist ihr erster Roman über ihre eigene Urgroßmutter, eine Patientin Siegmund Freuds.

Am ersten Roman arbeiten viele der Autoren, die an diesem Abend lesen, zum Beispiel auch Tillmann Severin. Andere haben diesen ersten Schritt schon hinter sich, wie Nina Sahm, deren Debüt „Das letzte Polaroid“ vor einem Jahr erschien, wie Lilian Loke, die aus ihrem Roman „Gold in den Straßen“ liest, den sie druckfrisch in den Händen hält. Wie Max Scharnigg, der aus seinem zweiten Roman „Vorläufige Chronik des Himmels oder Pildau“ vorträgt. Oder wie Tessa Müller, die aus ihrem jüngst veröffentlichten Band „Etwas, das mich glücklich macht“ eine Story liest, in der die Ich-Erzählerin das Glück haarscharf verpasst.

„Unsere Sprache wird interstellar“

Dass da noch viele weitere begabte und gut geschulte Autoren in der Stadt heranwachsen, zeigt dieser Abend ebenfalls. Sie experimentieren zum Beispiel in der Schreibwerkstatt der Komparatisten mit Sprache, sie reden im Lyrikkollektiv „July in der Stadt“ über ihre Gedichte, sie haben an der „Bayerischen Akademie des Schreibens“ oder in Hildesheim und Leipzig gelernt, wie man Handlungsstränge verknüpft. Und wirken nach solcherlei Erfahrungen, wie die mit kaum 22 Jahren jüngste Teilnehmerin Lara Theobalt, mitunter schon erstaunlich souverän: „Unsere Sprache wird interstellar.“

Davon sind auch die im Vergleich doch etwas älteren Vertreter der Institutionen begeistert, die diesen Tag unterstützt haben. „Eine wunderbare Veranstaltung“, findet etwa Lyrik-Kabinett-Leiter Holger Pils, der die eine oder andere Leserunde moderiert. „Tolle Autoren, verschiedene Temperamente, poetische Momente – man wird sagen: Man war dabei.“ Gerne würde Pils den Autoren noch zurufen: „Geht nicht nach Berlin!“ Wobei es ja vielleicht bald Zeit ist, ihnen zuzurufen: Holt eure Kumpels aus Berlin doch auch noch her! Doch man soll ja, wie man an diesem Abend lernen kann, den Glücksanspruch nicht immer weiter steigen lassen.

Antje Weber; Süddeutsche Zeitung, 26.01.2015

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